Unterricht

Verdun 1916-2016 - Die Académie Nancy-Metz im Zentrum der Bildungsaufgabe zum Thema hundert Jahre erster Weltkrieg

Diplôme Souvenir remis à une élève de l'école de filles de La Bouille pour l'année scolaire 1918-1919. - © Musée national de l’Éducation

Die zehnmonatige Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Franzosen bei Verdun im Jahr 1916 wurde zur „Symbolschlacht des gesamten Ersten Weltkriegs“, wie der französische Soldat und Schriftsteller Maurice Genevoix sie bezeichnet.

Ein Symbol, das uns bis heute verfolgt: Die brutale Opferzahl in Höhe von 700.000 Toten und rund 60 Millionen Granaten, die Veränderung eines natürlichen und menschlichen Umfelds in eine tägliche Hölle für die Soldaten und schließlich die dauerhafte Transformation einer Landschaft in eine heilige Gedenkstätte. Ein Symbol kann jedoch nur dann eine Tragweite haben, wenn es auch ein Zeichen ist, meist mit mehreren Facetten. Die Schlacht um Verdun steht für Leiden, für den ganzheitlichen Einsatz einer Nation, vereint an den Waffen, für ein globales Opfer, herbeigeführt durch den totalen Krieg. Sie steht auch für die deutsch-französische Versöhnung, den Wiederaufbau Europas und die universelle Hoffnung, symbolisiert durch das Weltfriedenszentrum (Centre mondial de la paix), das seit 1994 seinen Sitz im alten Bischofspalast in Verdun hat.

Lehrkräfte und Schüler/-innen der Académie Nancy-Metz, die in der Region der ehemaligen Schlachtfelder von Verdun situiert ist, konstruieren basierend auf den Spuren vor Ort interdisziplinäre Projekte und dokumentarische Parcours, rund um die Erfahrung des totalen Kriegs, die Erinnerung an die Schlacht und die Wiederherstellung von Frieden. Diese tiefgründige lokale Arbeit soll die Akademie zu einer Ressourcenakademie machen: um sich das Thema Verdun im Rahmen von Lehrplänen besser anzueignen, um auch auf Abstand pädagogische Initiativen zur Schlacht um Verdun zu ermöglichen und nicht zuletzt, um deutschen und französischen Schulklassen dabei zu helfen, anlässlich des 100-jährigen Gedenkens an die Schlacht um Verdun einen Besuch zu organisieren.


Die Erfahrung des totalen Kriegs im Rahmen von Lehrplänen verdeutlichen

Das staatliche Bildungswesen in Frankreich hat zunächst die Aufgabe, die Erinnerung an die traumatische Gewalt der Ereignisse der Schlacht um Verdun zwischen Februar und Dezember 1916 in den Gedächtnissen aufrechtzuerhalten. Dabei darf der konkrete militärische Kontext nicht vergessen werden, basierend auf einer Westfront, die von den Kriegsführenden als entscheidend für den Ausgang des Konflikts angesehen wurde, und vor dem Hintergrund eines allgemeinen, politischen und kulturellen Umfelds, das die Gesellschaften mit einer bisher noch nicht gekannten Kriegserfahrung konfrontierte. Genau diese Besonderheit einer langatmigen Schlacht im Verhältnis zum Konflikt insgesamt soll im Rahmen der Lehrpläne herausgearbeitet werden.

Der Erste Weltkrieg hat in französischen Lehrplänen zu drei Zeitpunkten einen festen Platz: gegen Ende von Cycle 3 in der Ecole Elementaire, der französischen Grundschule – in der Jahrgangsstufe CM2 (Cours Moyen 2, der 5. und letzten Grundschulklasse in Frankreich) – anschließend gegen Ende von Cycle 4 des französischen Collège, d. h. der Unterstufe des Sekundarbereichs, in der Mitte der Ausbildung – und noch einmal im Lycée, vergleichbar mit dem deutschen Gymnasium, in der Première, d. h. der vorletzten Stufe vor Allgemeiner Hochschulreife und Fachabitur und in Beruflichen Gymnasien im Rahmen des Zertifikats zur beruflichen Eignung (Certificat d’aptitude professionnelle, CAP). Die Schlacht um Verdun ist auch Bestandteil der Prüfung zum Thema Erster Weltkrieg. So müssen französische Schülerinnen und Schüler der Primarstufe vor allem „identifizieren, inwiefern dieser Krieg sich von vorherigen Kriegen unterscheidet“, um das Thema „Gewalt im 20. Jahrhundert“ darzustellen, wobei sie hier in den Schlachtfeldern von Verdun die ganz eigenen Merkmale des „Totalen Kriegs“ identifizieren können.1 Von französischen Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe wiederum wird erwartet, dass sie diese Dimension weiter ausführen: Verdun wird als Paradebeispiel für „Massengewalt in Form des Grabenkriegs" angeführt.2 Die neuen Programme für Zyklus 4, die in Frankreich ab dem Schuljahr 2016/17 in Kraft treten werden, erweitern den Blickwinkel, indem die „Involvierung von Zivilisten und Soldaten“ ab dem Ersten Weltkrieg genauer untersucht wird: Die Militarisierung der Zivilgesellschaft in der Maasregion rund um die Schlacht um Verdun. Dabei spielen die Auswirkungen auf das Alltagsleben und auf die Landschaften der Einheimischen eine entscheidende Rolle und liefern schlüssige Informationen. Französische Gymnasialschüler/-innen mit dem Ziel der Allgemeinen Hochschulreife beschäftigen sich mit Verdun in Bezug auf die „Kampferfahrung bei einem totalen Krieg“3, wohingegen Schülerinnen und Schüler mit dem Ziel Fachabitur angeregt werden, über die Zusammenhänge der Kriegserfahrung innerhalb des konfliktreichen 20. Jahrhunderts nachzudenken4. Im CAP-Jahr wird zum passenden Zeitpunkt die Möglichkeit gegeben, sich mit „Verdun und dem Gedenken an die Schlacht“ auseinanderzusetzen5 und den Sinn von Gedenkfeiern zu beleuchten.


Verdun zwischen lokalem, nationalem und internationalem Gedenken

Bei Verdun handelt es sich um eine Schlacht, die gerne „durch den Blickwinkel des Gedenkens verklärt wird“.6 Anlässlich des Gedenkens an den 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs fällt auf, dass der Bildungsbereich in Frankreich in Bezug auf Verdun bereits stark geprägt ist von einem Bild zu dem viele ihre Meinung beisteuern möchten: Kriegsveteranen, deren Zeugenaussagen von politischen, künstlerischen und kulturellen Vermittlern verwertet werden. Der Historiker Antoine Prost, Vorsitzender des wissenschaftlichen Rates der „Mission du Centenaire“, bringt die mit einer solchen Alchimie im Bereich des Gedenkens verbundenen Schwierigkeiten folgendermaßen auf den Punkt: „Eine von den Gedenkveranstaltungen zu meisternde Herausforderung ist es, genau zu wissen, wie sich das Gedenken an den Konflikt auf lokaler und globaler Ebene gestaltet.“ Diese staatsbürgerliche und wissenschaftliche Herausforderung ist zugleich ein pädagogischer Auftrag, den die Académie Nancy-Metz auf unterschiedlichen geografischen Ebenen angenommen hat.

Auf Ebene der Akademie: ein pädagogisches, interdisziplinäres und föderatives Projekt: „Verdun aux trois visages : paysage de guerre, terre de mémoire, lieu de réconciliation“ (Die drei Gesichter von Verdun: Kriegslandschaft, Gedenkregion, Versöhnungsort“)

Die Ausschreibung für interdisziplinäre Einzel- und Gruppenprojekte, an der bisher ein paar Dutzend Schulen teilgenommen haben, möchte einem Ansatz Sinn verleihen, der auf dem besonderen geografischen Erbe der lothringischen Schülerinnen und Schüler basiert und es ihnen ermöglichen soll, allgemeinere Fragen zu stellen, die möglicherweise all jenen in den Sinn kommen, die die Schlachtfelder von Verdun entdecken und noch entdecken werden, die zerstörten Dörfer sowie Soldatenfriedhof und Beinhaus von Douaumont.

Nationaler Pool für pädagogische Unterrichtsmaterialien: „Sur les pas des combattants de Verdun : itinéraires pédagogiques, 1916-2016“ (In den Fußstapfen der Soldaten der Schlacht um Verdun: pädagogische Lernpfade, 1916-2016)

Die Akademie richtet in Zusammenarbeit mit Canopé und dem Weltzentrum für Frieden (Centre mondial de la Paix) ein Zentrum für digitale Unterrichtsmaterialien ein. Diese Plattform kann von allen Schulklassen genutzt werden, um 2016 eine Studienreise in die Maasregion zu organisieren oder ihre Arbeit zum Thema Verdun vorzubereiten, basierend auf den folgenden Fragen und großen Themen:

  • Militärische und politische Herausforderungen der Schlacht um Verdun
  • Zeitabschnitte, Räume und Wege im Zentrum der Schlacht
  • Die Zeit nach Verdun: Von den Opfern bis hin zum Aufbau einer deutsch-französischen Gedenkstätte

Die Quelle sieht wie eine stilisierte Landkarte der Region von Verdun aus, auf der in interaktiver Form rund ein Dutzend Lernpfade aufgezeigt werden: „La journée d’un soldat français“ (Der Tag eines französischen Soldaten), „Le parcours d’un soldat allemand“ (Der Werdegang eines deutschen Soldaten), „La correspondance avec les familles“ (Der Briefverkehr mit den Familien“), „Le paysage de guerre“ (Die Kriegslandschaft), „Les combattants venus d’autres continents“ (Soldaten von anderen Kontinenten). Die einzelnen Themen werden mithilfe von Bildern, Archivextrakten und Dokumenten veranschaulicht. Durch Nutzung dieses Pools können Lehrkräfte sich eine Mischung aus pädagogischen und wissenschaftlichen Informationen aneignen. Zudem stehen konkrete und zugängliche Lernpfade zur Verfügung, die es ermöglichen, gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern zu erarbeiten, was es bedeutete in Verdun zu kämpfen, sowohl aus französischer als auch aus deutscher Sicht. Nicht zuletzt können die einzelnen Etappen der Umgestaltung von Verdun in eine Gedenkstätte nachvollzogen werden.

Ein deutsch-französisches pädagogisches Labor zum Thema Verdun

Die Gedenkfeierlichkeiten in Lothringen anlässlich des 100. Jahrestags der Schlacht um Verdun werden durch eine große Bandbreite deutsch-französischer Projekte strukturiert. Unter den zahlreichen Initiativen, wie unter anderem grenzübergreifende künstlerische und kulturelle Aktionen mit dem Saarland, sollen hier zwei wichtige Projekte erwähnt werden, die in direkter Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Nancy und unter der Schirmherrschaft bzw. der Initiative der Mission entstanden sind:

  • Die deutsche Übersetzung des Pools für pädagogische Materialien „Sur les pas des combattants de Verdun“ (In den Fußstapfen der Soldaten der Schlacht von Verdun). Dank Unterstützung des Goethe-Instituts stehen alle digitalen Materialien in zwei Sprachen zur Verfügung und können somit auch von deutschen Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern genutzt werden.
  • Die Leitung des deutsch-französischen Abschlussseminars des Geschichtswettbewerbs EuStory Verdun 2016 in Nancy, gemeinsam mit dem Goethe-Institut. Es werden Workshops von Lehrkräften der Mittelstufe angeboten und es soll eine Gesprächsrunde veranstaltet werden mit französischen, deutschen und europäischen Historikern. Diese im Januar geplante Veranstaltung findet kurz vor Beginn der Gedenkfeierlichkeiten am 21. Februar 2016 statt.


Wir sind überzeugt davon, dass die Académie Nancy-Metz ihrer Aufgabe als pädagogisches Labor vollkommen gerecht werden kann, weshalb wir den Schritt wagen, daraus eine nationale und internationale Ressourcenakademie zu machen. Wir sehen es ab sofort als unsere Aufgabe an, pädagogische Teams aus Frankreich, Deutschland und Europa auf den Spuren der Soldaten des Ersten Weltkriegs zu begleiten, indem wir ihnen dabei helfen, pädagogische Projekte aus der Ferne zu erarbeiten und bei Interesse einen Besuch dieses symbolträchtigen Orts vorzubereiten – ein Ort, der sowohl als historischer Raum einer gewalttätigen Auseinandersetzung und grässlicher Leiden angesehen werden muss als auch als idealer Rahmen für die deutsch-französische Versöhnung und den Wiederaufbau in Europa.

Das ehrgeizige Projekt hat konkrete Auswirkungen: Jede französische und deutsche Klasse, die einen Besuch der Schlachtfelder von Verdun plant, kann sich mit einer in Lothringen basierten „Classe relais de Verdun 1916-2016“ (Vermittlungsklasse) in Verbindung setzen. Die Académie Nancy-Metz ist momentan mit den Vorbereitungen dieser Betreuungsarbeit beschäftigt sowie mit der Organisation einer Begegnung zum Thema kollektive „Vergangenheitsbewältigung“, die für unsere Schülerinnen und Schüler insbesondere deshalb Sinn macht, weil es sich um „allgemeines Pflichtwissen“ handelt.

 

Gilles Pécout
Rektor der Académie de Nancy-Metz, Kanzler der Universitäten Lothringens
Professor für Neuere Geschichte an der ‚Ecole normale supérieure‘.

 

1 BOEN Nr. 1, 5. Januar 2012.
2 BOEN Nr. 42, 14. November 2013.
3 BOEN Nr. 8, 21. Februar 2013; Nr. 9, 30. September 2010; Nr. 46 13. Dezember 2012.
4 BOEN Nr. 9, 1. März 2012; Nr. 3, 17. März 2011.
5 BOEN Nr. 8, 25. Februar 2010.
6 Paul Jankowski, Verdun, Paris, Gallimard, 2014, S. 12.