Verdun 1916: die Schlacht, von Antoine Prost

„Wer nicht bei Verdun dabei war, war nicht im Krieg!“ – Im Jahr 1916 ein beliebter Satz unter den französischen Soldaten. Im kollektiven Gedächtnis nimmt diese Schlacht eine außergewöhnliche Stellung ein: sie ist das Fazit des Ersten Weltkriegs, sein Symbol und Wahrzeichen. Warum?

Villages détruits - © CDT Meuse

Wie kam die Schlacht zustande?

Der Angriff von Verdun kam von deutscher Seite. Der Oberbefehlshaber der deutschen Armee, Falkenhayn, war überzeugt davon, dass die Entscheidung nicht im Osten gegen die Russen fallen würde, sondern im Westen, wo er 1916 einen seitens Franzosen und Briten geplanten Großangriff kommen sah. Dem wollte er mit einer Offensive auf die Franzosen vorgreifen, wobei er davon ausging, dass diese im Fall einer großen Niederlage erschöpft aufgeben und einen Separatfrieden beantragen würden. Seine politischen Berechnungen sollten sich jedoch als falsch erweisen, da er den Gegner eindeutig unterschätzte.

Erich Von Falkenhayn

Erich Von Falkenhayn - © D.R.

Als die Schlacht um Verdun ins Stocken geriet, gab Falkenhayn vor, dass er die französische Armee mit einem Angriff auf einen sehr symbolträchtigen Ort zum „Weißbluten“ zwingen wollte, da er davon ausging, dass sie diesen – koste es, was es wolle – verteidigen würde. Doch für die Franzosen war Verdun wesentlich weniger symbolträchtig als Reims, die heilige Krönungsstadt der französischen Könige. Im September 1914 befahl die Oberste Heeresleitung (OHL) jedoch die Räumung von Reims. 1915 werden die Festungen entwaffnet, da die großen Kanonen an anderer Stelle nützlicher waren. Falkenhayn hatte militärische Gründe für einen Angriff der „Région fortifiée de Verdun“ (RFV, Befestigte Region von Verdun). Einerseits stellte sie in seinen Reihen ein extrem bedrohliches Hindernis für seine Mitteilungen dar. Andererseits war sie nur sehr schwer zu erreichen: Verdun war mit dem Hinterland nur über eine Schmalspurbahn und über eine Schotterstraße zu erreichen. Sollte die Schlacht sich am rechten Maasufer abspielen, müssten die Franzosen große Anstrengungen unternehmen, um Material und anderen Nachschub über den Fluss zu bekommen.

Um seine Reserven zu schonen, hatte Falkenhayn ursprünglich nur einen Angriff auf dieses Flussufer geplant. Deshalb konzentriert er hier seine Kräfte, um auf diese Weise eindeutig überlegen zu bleiben. Seiner 5. Armee standen auf französischer Seite nur zwei Divisionen gegenüber, d. h. zwei- bis dreimal so wenig Männer. Seine Artillerie ist der französischen sowohl zahlen- als auch mengenmäßig überlegen: 1.400 Kanonen und Mörser, gegenüber weniger als 650. Zudem hatten die Kanonen eine größere Reichweite, konnten schneller schießen und die Geschosse waren großkalibriger. Am 11. Februar 1916 waren die Vorbereitungen abgeschlossen: Die Deutschen hatten eine Offensive für den nächsten Tag geplant, was jedoch durch schlechte Wetterverhältnisse bis zum 21. Februar warten musste. Dank dieser Verzögerung blieb den Franzosen die Niederlage erspart.

Zwar wurden sie nicht überrascht, sie waren aber auch nicht bereit. Ab Mitte Januar gab es unterschiedliche Informationen: Es sei ein Angriff in Vorbereitung, aber Joffre war sich sicher, dass es sich dabei um ein Ablenkungsmanöver handelte, um eine Großoffensive in einem anderen Frontabschnitt vorzubereiten. Zudem war er sich nicht bewusst, in welchem Maß die Verteidigung in Verdun nicht auf einen Angriff vorbereitet war. Driant, ein französischer Abgeordneter und der Befehlshaber von zwei Jagdbataillons im Norden von Verdun, hatte bereits Anfang Dezember die französische Abgeordnetenkammer und den Präsidenten der Republik darüber in Kenntnis gesetzt. Dennoch hatte Joffre dem Minister ausrichten lassen, dass die Abwehr in Verdun keine Lücken aufwies. Das war vielleicht auf dem Papier der Fall, jedoch nicht vor Ort. Als sein Referent Castelnau am 23. Januar die Abwehr in Verdun inspiziert, gibt er unmittelbar große Umbauarbeiten in Auftrag, die von zwei Divisionen ausgeführt werden sollen. Bisher handelte es sich um einen sehr ruhigen Sektor, weshalb man keine Unterstände, Schützengräben oder Schächte angelegt hatte. „Es braucht keine Gräben, die Deutschen schießen doch nicht“, antwortet ein Soldat einem Neuankömmling, der verwundert fragt. Basierend auf einem trügerischen Gefühl der Sicherheit, menschlicher Faulheit, Nachlässigkeit der Befehlshaber ... die Abwehr in Verdun musste noch in zahlreichen Frontabschnitten organisiert werden. Deshalb war man auf französischer Seite hektisch zu Gange, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Am 21. Februar ist die Front jedoch besser geschützt als dies am 12. der Fall war.

Dank dieser Atempause konnte das Oberkommando zudem zwei weitere Maßnahmen einleiten. Am 19. Februar nahm General Herr, der das Kommando über die Befestigte Region von Verdun (RFV) hatte, drakonische Maßnahmen, um den Verkehr auf der Hauptverkehrsadern von Verdun nach Bar-le-Duc, dem zukünftigen „Heiligen Weg“ (Voie Sacrée), zu regulieren. Die Vorschriften traten am 22. Februar in Kraft. Zudem schickte Joffre Verstärkung in die Nähe der RFV: Der 20. Armeekorps, dessen Rolle sich bald als entscheidend erweisen sollte, wurde am 20. Februar auf den Weg geschickt. Es war allerhöchste Zeit, aber noch nicht zu spät.

Wie verlief die Schlacht?

Am 21. Februar um 7 Uhr ist an der Nordfront der RFV ein Trommelfeuer zu hören, das seinesgleichen sucht. Die Taktik der Deutschen war simpel: Die Artillerie sollte die Defensive mit einem massiven Granatenhagel der unterschiedlichsten Kaliber überwältigen. Anschließend war ein vorsichtiges Vordringen der Infanterie geplant. Zeigt der Feind Widerstand, werden die Bombardierungen erneuert. Zwischen 16 und 17 Uhr dringen die deutschen Infanteristen weiter vor, teilweise unterstützt von Flammenwerfern, die die noch stets kampfbereite Abwehr in Angst und Schrecken versetzen. Da die Deutschen die Kämpfer der Gegenseite nicht schnell genug überwältigen können, wird erneut bombardiert. Mit dieser Taktik können die Deutschen, trotz einer heldenhaften Abwehr, wie beispielsweise unter Driant im Wald von Caures – einem gut organisierten Frontabschnitt – weiter vordringen. Innerhalb von nur wenigen Tagen gewinnen sie zwischen 6 bis 8 km an Land. Am Abend des 24. wird die französische Abwehr überrannt. „Die Straße nach Verdun war frei“, schrieb Kronprinz Wilhelm von Preußen, Sohn von Kaiser Wilhelm und Befehlshaber der 5. Armee. Am 25. besetzen die Deutschen Fort Douaumont, das von rund 60 Männern der Landwehr ohne Befehlshaber und Verbindungsstelle verteidigt wurde.

Auf französischer Seite bahnt sich ein Debakel an: Die Wege und Straßen werden von Zivilisten auf der Flucht vor den Bombardierungen versperrt, Soldaten und Artilleriewaffen sind auf dem Rückzug, unterschiedliche Konvois auf der Suche nach ihrem Weg, Krankenwagen in Schwierigkeiten. Es herrscht Chaos. In der Nacht vom 24. auf den 25. wird das Schicksal von Verdun entschieden.

Die RFV war Teil der Groupe d’armées du Centre (GAC), die unter dem Befehl von General Langle de Cary stand. Am Abend des 24. befürchtete er, dass ein Rückzug auf das linke Maasufer unvermeidlich wird, weshalb er den Übergang auf das rechte Flussufer ab sofort verbietet. Und das obwohl Joffre ihm den Befehl gegeben hatte, diese Uferseite standhaft zu verteidigen. Außerdem wird General Pétain am darauffolgenden Tag um 8 Uhr einberufen, um ihm das Kommando über das linke Flussufer zu übertragen und die im Rückzug befindlichen Truppen aufzunehmen. In der Nacht macht sich Castelnau mit Genehmigung von Joffre auf den Weg nach Verdun. Um 4 Uhr morgens trifft er im Hauptquartier von Langle ein und annulliert den von ihm gegebenen Befehl. Nach Ankunft im Hauptquartier der RFV sucht er Herr und seinen Generalstab auf, die mit der Situation überfordert sind. Gegen Ende des Nachmittags trifft Pétain ein, der von Castelnau die Befehlsbefugnis über die gesamte RFV erteilt bekommt, einschließlich des rechten Flussufers. Aus militärischer Sicht war der Rückzug auf das linke Flussufer durchaus eine Option. Die ausschlaggebende Entscheidung der Verteidigung Verduns vom rechten Maasufer aus wurde von den Militärs Castelnau und Joffre sowie von Politikern getroffen: Briand, der damalige Regierungschef, stellte am 24. Februar im Hauptquartier die entscheidenden Weichen.

Damals war Pétain unter der breiten Öffentlichkeit noch ein Unbekannter, in der Armee erfreut er sich jedoch bereits eines guten Rufs. Er definiert vier große Frontabschnitte und teilt Verantwortlichkeiten zu. Er schafft es, mit seinem Generalstab Ordnung ins Chaos zu bringen, er strukturiert seine schwere Artillerie um, damit sie zweckmäßiger eingesetzt werden kann, und es gelingt ihm mehr oder weniger gut, die Front dank Verstärkung wieder auf die Beine zu bringen. Doch am 6. März starten die Deutschen einen Versuch, die französische Artillerie, die sie vom linken Maasufer aus bombardiert, zurückzuweisen. Die deutschen Angriffe erfolgen in Richtung der Höhe 304 und des Mort-Homme. Ab sofort stehen die Spielregeln der Schlacht fest.

Fort de Souville, 1916

Fort de Souville, 1916 - © AD 55

Fort de Vaux

Fort de Vaux - © AD 55

Es wäre langatmig, die einzelnen Vorfälle der Schlacht im Detail zu beschreiben. Dieses von tiefen Schluchten eingegrenzte Gebiet, das sich auf wenige hundert Meter beschränkt, wird von unaufhörlichen Bombardierungen in eine Granattrichter- und Schlammwüste verwandelt. Eine Abfolge extrem gewalttätiger Kämpfe spielt sich hier ab, ein Hin und Her zwischen kleinen Einheiten, Bataillons und manchmal einer ganzen Kompanie. Das Szenario ist immer dasselbe. Die Deutsche greifen an einer schmalen Front, die sich über einen Kilometer oder weniger erstreckt, mit Seitenhieben an. Die vorderste Linie wird mit Granaten außer Gefecht gesetzt sowie die Flanken und das Hinterland des anvisierten Sektors, damit keine Verstärkung nachrücken kann. Dann greift die Infanterie an und es kommt zum Nahkampf mit Granaten, teilweise mit Stichwaffen, von einem Granattrichter zum nächsten, denn die Schützengräben sind nur eine schlecht verkettete Anreihung von Löchern. Eine Mischung aus modernsten Kampfwaffen wie Artillerie, Gas, Flammenwerfern und den überholtesten Methoden. Mit jedem Angriff können sich die Deutschen weiter vorarbeiten. Am 23. Juni wird ein letzter Angriff gestartet, mit dem Ziel Verdun einzunehmen, bevor am 1. Juli die Alliierten-Offensive an der Somme eingeleitet wird. Diese scheitert jedoch vor Fort Souville, nur 4 km vor dem Ziel. Deshalb wird am linken Flussufer an der Höhe 304 und dem Mort-Homme Stellung gehalten. Die Stellung am rechten Flussufer befindet sich vor dem Dorft Fleury sowie den Forts Douaumont und Vaux. Nivelle, der am 1. Mai Pétain an der Spitze der französischen Armee in Verdun ablöst, ihr jedoch weiterhin untersteht, da dieser mittlerweile Befehlshaber der GAC ist, ordnet die Verteidigung der Stadt selbst an.

Die Deutschen sehen sich gezwungen von der Front von Verdun abzuziehen, um sich an die Somme zu begeben, machen jedoch am 11. Juli einen letzten Versuch, um sich anschließend in die Defensive zurückzuziehen. Für sie ist die Schlacht von Verdun beendet. Falkenhayn wird von Hindenburg und Ludendorff abgelöst.

Somit geht die Initiative in ein anderes Lager über. Bisher hatten die Franzosen sich darauf beschränkt, unter Hochdruck eventuelle Lücken zu füllen. Joffre, der gegen seinen Willen Pétain und anschließend Nivelle die von ihnen angeforderten Batterien und Divisionen zur Verfügung stellte – rund 24 Divisionen, d. h. über 500.000 Männer mit den entsprechenden Diensten – drängt auf einen Umschwung auf eine Offensive, doch gab es weder die Mittel noch die Zeit. Nach dem Sommer wendet sich das Blatt: Es wird eine neue Schlacht eingeleitet, diesmal von französischer Seite. Nivelle und Mangin können am 24. Oktober Fort Douaumont zurückerobern und die Deutschen ziehen sich am 4. November von Fort Vaux zurück. Im Rahmen eines neuen Angriffs am 12. Dezember kann die Front am rechten Maasufer in etwa auf die Linie vom 21. Februar gebracht werden. Die Franzosen verkünden bereits den Sieg. Für sie ist die Schlacht von Verdun beendet und Nivelle tritt an die Stelle von Joffre als Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Doch am linken Flussufer hat sich nichts verändert: Die Deutschen besetzen noch immer die Höhe 304 und den Mort-Homme, die erst im August 1917 nach extrem gewalttätigen Kämpfen zurückerobert werden können.

Verdun – eine außergewöhnliche Schlacht

Dieser kurze Überblick der Schlacht erklärt nicht, warum Verdun zum Symbol schlechthin für Krieg geworden ist. Die allgemein angeführten Gründe reichen nicht aus. Zwar ist es wahr, dass es sich dabei um die einzige rein französische Schlacht des gesamten Kriegs handelt: Die Alliierten hielten sich heraus. Dennoch wäre Verdun sicherlich ohne den britischen Einsatz an der Somme gefallen. Es ist auch wahr, dass es die Schlacht ist, an der die meisten französischen Soldaten teilgenommen haben: Da die bei der Schlacht verheizten Divisionen von den Befehlshabern durch neue Truppen ersetzt wurden, haben insgesamt 73 Divisionen von rund hundert in Verdun gekämpft. Doch was wirklich zählt, sind die unauslöschlichen Erinnerungen der Soldaten, die seitdem in das Volksgedächtnis eingebrannt sind – eine noch nie dagewesene Hölle. Der Schrecken und die extreme Gewalt der Schlacht verleihen ihr diesen außergewöhnlichen Status.

Die Zeugenaussagen, die das unterstreichen, sind so zahlreich, dass hier nichts in Frage gestellt werden muss. Verdun war mit Sicherheit schlimmer als alles, was die Kämpfer vorher erlebt hatten. Doch eine Lehre sollte insbesondere aus den allgemeinen Niederlagen gezogen werden: Es schien immer so als ob nicht vehement genug angegriffen wurde, weshalb bei den darauffolgenden Schlachten noch mehr Kanonen, noch mehr Maschinengewehre eingesetzt wurden ... eine wahrhaftige Eskalation. Mit großer Wahrscheinlichkeit waren die Schlacht an der Somme und auf dem Chemin des Dames schlimmer als Verdun. Zahlenmäßig sind bei der Schlacht an der Somme jedenfalls mehr Männer gefallen. 163.000 Franzosen wurden innerhalb von zehn Monaten in Verdun getötet, d. h. insgesamt 370.000 Tote, Verletzte oder Verschollene, d. h. 37.000 pro Monat gegenüber 200.000 innerhalb von fünf Monaten an der Somme, d. h. 41.000 pro Monat. Sicherlich handelte es sich um eine breitere Front, es waren jedoch weniger Divisionen im Einsatz.

Das Grauen von Verdun übersteigt jede Vorstellungskraft, wobei auch spätere Schlachten nicht weniger grausam waren. Im Rahmen der Zeugenberichte ist immer dasselbe Martyrium herauszuhören: derselbe Schlamm, dieselben Ratten, derselbe Durst, dieselbe Angst, dasselbe Chaos in den Schützengräben unter Steinbrocken, dieselben Schreie der Verletzten im No Man’s Land, dieselben zerstückelten Körper, derselbe Gestank, derselbe Tod. Wie soll man das Grauen von Todesqual und Massenmord in Stufen einteilen? Diesbezüglich ist Verdun ein Exempel, jedoch nicht außergewöhnlich.

Doch wurde diese Schlacht nicht so erlebt wie viele andere. Die Franzosen hatten große Angst: Es war das erste Mal seit der Schlacht an der Marne, dass die Deutschen angriffen und zwar massiv, brutal, entschlossen. Würde Verdun standhaft bleiben können? Würde die Verstärkung rechtzeitig eintreffen? Die Angst unter der Bevölkerung wächst, insbesondere auch, weil die Informationen nur vereinzelt durchsickern und man davon ausgeht, dass die Wahrheit kaschiert wird. Die Emotionen der ersten Tage verleihen der Schlacht eine entscheidende Bedeutung: Die Entscheidung von Falkenhayn wird als Herausforderung angenommen, man geht ihr nicht aus dem Weg. Deshalb hat der Beschluss der Franzosen, Verdun auf dem rechten Maasufer zu verteidigen, ein unglaubliches symbolisches Gewicht. Der außergewöhnliche Status von Verdun bestand weder vor noch nach der Schlacht: Er entwickelt sich ab Beginn des Kampfs, basierend auf der Angst der Franzosen und der Courage der Soldaten. Für sie ist es keine gewöhnliche Schlacht: Es ist die Schlacht, die man nicht verlieren kann, nicht verlieren darf. Auch wenn sich manchmal Überdruss breit macht, zeigen die Soldaten in den entscheidenden Momenten ihren Mut und ihre Entschlossenheit, die von ihren Offizieren entsprechend bewundert werden. Wie zum Beispiel in den ersten Wochen oder Ende Juni.

Somit wird Verdun für Politiker, Journalisten, Künstler und offizielle Vertreter aus dem Ausland der Ort, an dem man gewesen sein muss. Alle möchten mit Pétain am Tisch sitzen, der innerhalb von nur einem Monat zur Leitfigur wird. Und unter den Soldaten gilt es als Schlacht bei der man dabei gewesen sein muss: eine Art Initiationsritus. Im Angesicht des Opfers sind alle gleich und jeder ist auch ein bisschen stolz, wenn er sagen kann, er war dabei. Doch wer ein zweites oder sogar ein drittes Mal nach Verdun geschickt wird, sträubt sich zunächst: Es gilt als unfair, solange noch nicht alle dort waren. Wer bei der Schlacht von Verdun gekämpft hat, darf einfach alles.

Ossuaire de Douaumont

Ossuaire de Douaumont - © Guillaume Ramon - CDT Meuse

François Mitterrand et Helmut Kohl main dans la main devant l'Ossuaire de Douaumont le 22 septembre 1984

François Mitterrand et Helmut Kohl main dans la main devant l'Ossuaire de Douaumont le 22 septembre 1984 - © DR

Die Konstruktion des Mythos von Verdun: legendären Verdun – das jedoch keine Legende ist – geht demnach auf die Schlacht selbst zurück. Gekrönt wird er durch die Verleihung der Ehrenlegion (Légion d'honneur, ranghöchste Auszeichnung Frankreichs) durch den Präsidenten der französischen Republik am 13. September 1916. In dieselbe Richtung geht der Bau von Gedenkstätten, insbesondere des Beinhauses von Douaumont, das von einem Komitee initiiert wurde, das in ganz Frankreich und sogar im Ausland finanzielle Unterstützung bekam. Und nicht zu vergessen die Besuche von Millionen von Touristen sowie die Pilgerfahrten der Kriegsveteranen, die ihren Familien die Orte zeigen möchten, wo sie dachten ihr Leben beenden zu müssen oder wo sie sich gemeinsam mit ihren Kameraden an den Gräbern des Soldatenfriedhofs versammeln.

Das Beinhaus war lange Zeit Symbol für die nationale Einheit Frankreichs, für seine Größe und für ein Opfer, das man heute nur schwer verstehen kann – seine Bedeutung ist jedoch im Wandel begriffen. Denn das Opfer war ein auf mehreren Schultern getragenes. Im Zentrum dieses unendlichen „Totenfelds“ mit Millionen von Granattrichtern unter den Bäumen, wo jede große Ausgrabung neue weiße Knochen zum Vorschein brachte, vor 16.000 Soldatengräbern, aus dem französischen Mutterland oder aus französischen Kolonien, die Seite an Seite kämpften, wobei das Beinhaus den sterblichen Überresten von 130.000 Toten beider Seiten die letzte Ruhe gegeben hat – im Zentrum steht, symbolisiert durch den Handschlag von François Mitterrand und Helmut Kohl, eine riesige Erinnerungsstätte für die Toten beider Völker. Der Ort atmet eine Art Heiligkeit: Respekt für die Toten, ein unglaubliches Mitgefühl, Fassungslosigkeit vor dem Horror eines Massenmords, eine empörte Unverständlichkeit gegenüber jenen, die ihn zugelassen und organisiert haben und der Auftrag an alle Lebenden, die Wiederholung eines solchen Szenarios zu verhindern.

Antoine  Prost